Inhalt
Marthas kleiner Bruder Bo ist eine echte Nervensäge: Immer will er Recht haben und immer behauptet er Sachen, die gar nicht stimmen können. Zum Beispiel, dass er den Himmel für drei Zitronenbonbons und zwei Himbeerlutscher gekauft hat. Und was das Schlimmste ist: Marthas Eltern lassen Bo all das auch noch durchgehen! Doch dann erfährt Martha die Wahrheit und sie begreift: Die Hälfte des Himmels gehört tatsächlich Bo - und das ist ein schöner Gedanke.
Rezension von Michaela aus dem Krimi-Forum für kinder-stadt.de: Also SO einen Bruder braucht ja wirklich kein Mensch! - möchte man denken, wenn man einsteigt in die Geschichte der Ich-Erzählerin Martha und ihrer Familie. Ihr fünf Jahre jüngerer Bruder ist rechthaberisch und bestimmerisch, behauptet gern, dass ihm alles gehört und bringt mit dem typischen "Kleiner-Junge-Dackelblick" die Herzen der Erwachsenen in jeder Situation kalkuliert zum Schmelzen. Andererseits ist Boris - genannt Bo - auch ausgesprochen originell, lebensfroh, ausgesprochen phantasievoll, ideenreich, stets für einen guten Spaß zu haben, nie nachtragend und in den richtigen Moment auch sehr einfühlsam. Gutgelaunt und ungeheuer präsent behauptet sich der Sechsjährige gegen seine drei älteren Schwestern (außer der elfjährigen Martha, mit der er das Zimmer teilt, gibt es noch eine 14- und eine 16jährige) und alles könnte so schön sein, wären die Eltern nicht von einer schier unglaublichen Nachgiebigkeit gegenüber diesem männlichen Nachzügler.Alles darf er, alles kriegt er, für Nummern, bei denen seine Geschwister massive Strafen zu fürchten hätten, kassiert er nur ein Lächeln. Das macht Martha unendlich wütend: Sie fühlt sich ungerecht behandelt, ungeliebt, ist eifersüchtig auf den kleinen Charmebolzen und sein Talent, alle um den Finger wickeln zu können. Als sie es eines Tages gar nicht mehr aushält, explodiert das Mädchen - sprudelt all ihre Kümmernisse heraus … und erfährt erst dann, dass es einen Grund für das Verhalten der Eltern gibt. Bo ist krank. Bo muss sterben. Irgendwann. Irgendwann bald. Nach dieser Enthüllung sind alle wie gelähmt – bis auf den "Hauptleittragenden" selbst, der mit ungebrochener Gelassenheit und Fröhlichkeit durchs Leben geht und sich auf den Himmel freut, im Hinblick darauf, dass er dort alles tun darf, was er will. Die Schwestern können und wollen es nicht begreifen – die Eltern sind einerseits froh, dieses wichtigste Thema ihres Lebens nicht mehr verheimlichen zu müssen, zeigen sich aber nun auch sehr verwundbar und verunsichern dadurch nicht selten ihre Kinder. Sie haben keine Antworten, können keinen Halt geben, wo sie sich selbst hilflos und verloren fühlen, weinen, sind teilweise antriebslos, gereizt oder aufgesetzt fröhlich. Die ganze Palette der Gefühle - vor und nach dem Tod des kleinen Jungen - ist so plastisch geschildert, dass einer gemeinsamen Lektüre mit Kindern unbedingt das alleine Lesen durch einen Erwachsenen vorausgehen sollte (ausgestattet mit einem genügenden Vorrat an Taschentüchern). Und doch sind die Beschreibungen nicht so angelegt, dass der Eindruck entsteht, hier werde bewusst auf die Tränendrüse gedrückt. Im Gegenteil: Alles ist sehr authentisch, manchmal widersprüchlich, getragen von Verzweiflung und dem Nicht-Begreifen einerseits und der Gewissheit, dass Liebe nicht einfach aufhört, weil der Mensch nicht mehr lebt, andererseits. Die Freude ist zu spüren, darüber, dass es diesen Bo mit seinem Einfallsreichtum und seinen Streichen überhaupt gab. Auf das "Warum" gibt das Buch keine Antwort - wie könnte es! Und doch endet es ungemein positiv und lebensbejahend. Ausgesprochen empfehlenswert! Zu empfehlen ab 10 |